Evangelisch in Marxheim
Man mag es Pfarrer Reinhardt Schellenberg kaum glauben, dass er schon im Sommer 2026 in den Ruhestand gehen will, so tatkräftig wirkt er in seinem Pfarrbüro, weiterhin interessiert am Schicksal der Kirche, streitbar und konstruktiv zugleich. Aber er und seine Frau Constanze Schellenberg meinen es ernst. Ein klarer Schnitt soll es sein, auch ihr künftiger Wohnsitz soll nicht mehr im Hofheimer Stadtteil Marxheim liegen. Nach 30 Jahren intensiver Gemeindearbeit – Pfarrer Reinhardt Schellenberg kam 1995 in die Thomas-Gemeinde, seine Frau bereits 1990 – fällt der Abschied schwer. Aber die Dankbarkeit überwiegt: „Ich bin froh, dass ich diese Superzeit hier erleben durfte“, sagt Schellenberg und spielt darauf an, dass es für die nachfolgenden Kolleginnen und Kollegen schwerer werden wird. Nach dem Reform-Konzept ekhn2030 sollen künftig Einsparungen umgesetzt und die Gemeinden in Nachbarschaftsräumen zusammengefasst werden. „Die Zeit, in der ein Gesicht eine Gemeinde prägt, ist dann vorbei“, sagt Schellenberg. „Aber ich wünsche allen, dass die Umstrukturierung gelingen möge.“
Im Jahre 1900 wurde im ehemals rein katholischen Hofheim mit der Johanneskirche die erste evangelische Kirche erbaut. 60 Jahre später entstand eine weitere evangelische Gemeinde durch die Erschließung des Gebietes zwischen der Bahn und dem Dorf Marxheim: die Thomasgemeinde. Die ersten Gottesdienste, so heißt es auf der Website, fanden noch in den Marxheimer Schulen statt. 1962 wurde das Gemeindehaus errichtet und am 9. Mai 1965 die Kirche eingeweiht. In ihr finden 450-500 Menschen Platz. Die damalige Konzeption schätzt Pfarrer Schellenberg bis heute: Kirche, Gemeindehaus, Kindergarten, Pfarrhaus und Wohnungen für Mitarbeitende gruppieren sich um den Kirchplatz, der von einer großzügigen Außenanlage umgeben ist. Derzeit hat die Gemeinde 2714 Mitglieder.
War sie in ihren Anfangsjahren noch von vielen Vertriebenen aus Ostpreußen und später von einstigen DDR-Bürgern geprägt, die in Frankfurt-Höchst in der Chemie-Industrie Arbeit fanden, so ist sie heute überwiegend bildungsbürgerlich ausgerichtet. Die Gottesdienste sind mit durchschnittlich 100 Besuchern an normalen Sonntagen gut gefüllt. „Ich genieße es, auch anspruchsvolle Predigten halten zu können“, sagt Pfarrer Schellenberg, der als Kind von zwei Lateinlehrern mit einem umfassenden Bildungskanon aufgewachsen ist. Bibel-Seminare zum Thema Psalmen, Vorträge oder Literaturveranstaltungen sind immer schnell ausgebucht. Neben den rund 20 Hauptamtlichen engagieren sich in der Thomas-Gemeinde fast 120 Ehrenamtler. Pfarrer Schellenberg ist stolz darauf, dass sie aus allen Altersstufen kommen. Sie bringen sich bei der Organisation von Veranstaltungen, Festen und Feiern, in der Seelsorge und im Besuchsdienst, in der Gemeindeleitung und im Kirchen-vorstand ein. Es gibt vielfältige Angebote: Einen großen Pfadfinderstamm mit rund 100 Mitgliedern, eine Gruppe, die sich mit Religion, Literatur, Kunst und Musik beschäftigt; an jedem ersten Mittwoch des Monats treffen sich Menschen zum Kochen, Senioren tauschen sich aus und ein ökumenischer Frauen-kreis organisiert zweimal im Jahr Veranstaltungen. Das Verhältnis zur katholischen Nachbargemeinde ist gut, bis 2015 haben die Thomas- und die Bonifatius-Gemeinde noch einen gemeinsamen Gemeindebrief herausgegeben.
Weit über Marxheim hinaus ist die Thomasgemeinde vor allem für ihre hochkarätige Kirchenmusik bekannt. Ein Chor aus rund 60 Sängerinnen und Sängern erarbeitet unter der Leitung von Kantor Markus Stein 2-3 Konzerte pro Jahr, die gemeinsam mit professionellen Orchestern und Gesangssolisten in der Thomaskirche aufgeführt werden. Dekanatskantorin Katharina Bereiter, die mit einer 30%-Stelle in der Thomasgemeinde mitwirkt, lädt zudem alljährlich zu Silvester zu einem Konzert vor Mitternacht ein.
Nein, untergehen wird diese große Gemeinde nicht, auch wenn zu befürchten ist, dass viele Gemeinden im Nachbarschaftsraum ihre Identität verlieren werden. Die Thomasgemeinde wird sich, wie auch alle anderen Kirchengemeinden, wandeln, das ja. Pfarrer Schellenberg aber freut sich schon darauf, im Ruhestand viele Vorstellungen der Frankfurter Oper zu besuchen und der Eintracht im Stadion zuzuschauen.
Seine frühere Gemeinde wird er dabei nicht aus dem Blick verlieren.
Aus dem Auferstehungs-Mosaik, Ausgabe 1/2026
